POL&IS – die Welt im Blick

POL&IS – die Welt im Blick

Schüler des Lucas-Cranach-Gymnasiums simulierten die Komplexität des Weltgeschehens

von K. Fuchs

Naumburg/Wittenberg: Täglich berichten die Medien aus der ganzen Welt von Ereignissen, Konflikten und Krisen und den Schritten zu ihrer Überwindung. Wie vielschichtig, langwierig und komplex diese Prozesse verlaufen, verbleibt dabei meist im Dunkeln. Vereinfachungen, Verkürzungen bis hin zu Fake News verstellen oft den Blick für das Wesentliche und erschweren eine fundierte Meinungsbildung zum weltpolitischen Geschehen. Für 52 Schülerinnen und Schüler aus den 12. Klassen des Lucas-Cranach-Gymnasiums könnte sich der Blick auf diese Ereignisse seit der vergangenen Woche verändert haben. Sie hatten sich im Jugend- und Sporthotel Euroville in Naumburg für vier Tage eingerichtet, um an POL&IS, einem interaktiven Planspiel teilzunehmen. In dieser Simulation werden politische, ökonomische und ökologische Einflüsse in der internationalen Politik reflektiert und deren Komplexität an vielschichtigen Zusammenhängen verdeutlicht. Elf Regionen sowie UNO, Weltbank, NGO's und Weltpresse waren dabei in verschiedenen Funktionen zu besetzen. Über Beratungen, Programmentwicklungen, Verträge und Bündnisse galt es Lösungsstrategien für die Entwicklung der eigenen Region als auch  der Welt zu entwerfen. Der zeitliche Ablauf der POL&IS-Simulation ist in einzelne POL&IS-Jahre unterteilt, wobei jedes Jahr nach einem bestimmten Muster mit Phasen der Innenpolitik und Phasen der Außenpolitik abläuft. So soll Politik den Teilnehmern erfahrbar gemacht werden. Ihr Blick auf Krisen, Konflikte sowie mögliche Handlungsoptionen werden dabei sehr realitätsnah in das Zentrum des Geschehens gerückt.

Die Organisation und Durchführung der Simulation in Naumburg übernahmen zwei Jugendoffiziere aus Sachsen-Anhalt. Die schulische Koordination und Moderation hingegen lag in der Hand der begleitenden Lehrer. Ermöglicht und getragen wurde diese Simulation neben Eigenanteilen der Teilnehmer durch die Unterstützung der Bundeswehr und eine Förderung durch die Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen-Anhalt.
Der durchaus mühevolle Einstieg machte zunächst die Einarbeitung in die wahrgenommenen Rollen und Funktionen erforderlich. Neben wirtschaftspolitischen Daten sind zudem aktuelle Ereignisse, Fakten und Verfahren anhand von Recherchen und Handreichungen zu studieren.

Bereits der Auftakt in die Simulation brachte es klar zum Ausdruck - Fehler haben Folgen. Sie kosten Geld, Ressourcen, Sicherheit, Freiheit und Vertrauen. So vergaß Russland in der Planung die Position der Entwicklungshelfer. Chinas Wirtschaftsminister scheiterte beim Börsenhandel mit Wirtschaftsgütern an der Unentschlossenheit Nordamerikas oder ein Zahlendreher gefährdete die Versorgung der Bevölkerung einer Region. Das ein Stromausfall der Technik die Weltpresse ins Schwitzen brachte, hatte deutlich weniger Konsequenzen.

Auf der anderen Seite wirkten die NGO's von Anbeginn sehr engagiert und verblüfften die Anwesenden mit zahlreichen kreativen Aktionen und konstruktiven nachhaltigen Konzepten.
Um eine Vorstellung über die zeitliche Dimension eines POL&IS-Jahres mit seinen Beratungsphasen, Konferenzen und Programmentwicklungen zu erhalten, seien hier mal die Zeitstunden genannt. Das erste Jahr war nach zwölf Stunden beendet, das zweite nach neun Stunden und das dritte Jahr benötigte noch sechs Stunden. Mit zunehmender Dauer nahm die Simulation Fahrt auf. Wetterkapriolen, reale und fiktive News forderten von den Teilnehmern Reaktionen, die das simulierte Geschehen immer wieder aufs Neue veränderten.

Auffallend war dabei, dass die Teilnehmer selbst die Pausen- und Freizeiten für Beratungen nutzten und immer mehr in ihren Rollen aufgingen. Parallel dazu verschärften nationale Egoismen latente Konflikte in einigen Regionen zu handfesten Krisen, die den Frieden in der Welt bedrohten. In einer UN-Sonderkonferenz konnten in sehr kontrovers und emotional geführten Debatten die aufgeworfenen Sicherheitsbedenken ausgeräumt werden. Im Ergebnis war eine für alle Beteiligten tragfähige diplomatische Lösung gefunden worden. Diese wurde dann per Vertrag von allen Teilnehmern unterzeichnet und ratifiziert. In der Rückblende wurde von den Teilnehmern immer wieder betont, dass sie überrascht waren, wie schnell es zu einer Eskalation kommen kann und wie schwer es ist, diese wieder zu überwinden.

Welche Konsequenzen dies alles in der realen Welt nach sich ziehen könnte, wurde dann partiell an einigen Dokumentationen von den Jugendoffizieren verdeutlicht. So vergingen die Tage fast wie im Fluge. Die fiktive Kriegsgefahr wurde abgewendet und eine komplexe Abrüstung initiiert. Die Versorgung der Weltbevölkerung wurde über getroffene Vereinbarungen abgesichert. Zur Verblüffung der Jugendoffiziere griffen die von den NGO's initiierten und von den Regionen eingeleiteten Umweltmaßnahmen so gut, dass nach drei POL&IS-Jahren eine imaginäre Müllgrenze noch nicht überschritten wurde. Zudem haben sich die Entwicklungsunterschiede zwischen den einzelnen Regionen deutlich minimiert.

Aufgrund des Netzwerkcharakters von sind die Teilnehmenden durchgehend aktiv. Sie gestalten die internationalen Beziehungen selbst, erleben sich dabei als Initiatoren und gewinnen an Selbstvertrauen. Wiederholt werden sie mit den Folgen ihres eigenen Handelns konfrontiert. Die eigene Betroffenheit fördert die Bereitschaft der Teilnehmer, sich mit den vorliegenden Sachverhalten auseinanderzusetzen.

Ob diese Ziele durchgängig erreicht worden sind, wird sich nun im weiteren Unterricht in der Schule zeigen. Ein Grundtenor herrschte bereits am Abreisetag vor. Keiner der Beteiligten bereute seine Entscheidung, an diesem Projekt teilgenommen zu haben. Einige äußerten sogar den Wunsch, so etwas öfter zu machen. Dafür dürfte es aber für diesen Jahrgang zu spät sein, wenn sie sich im kommenden Frühjahr den Prüfungen stellen.

Kurt Fuchs
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