Wozu soll man das Schulfach Philosophie belegen?
Angesichts der Tendenz, auf Kosten der althergebrachten Fächer immer wieder neue einzuführen (z.B. Wahlpflichtkurse Medienkunde u. ä.) ist diese Frage keine bloße Rhetorik, um einen Werbetext einzuleiten. Das Fach muss sich sinnvoll in den Fächerkanon einreihen, wenn es sich legitimieren will. Die folgenden Thesen versuchen diese Legitimierung und damit indirekt auch eine Beschreibung des Faches.
1. Alle Wissenschaften müssen sich Grenzen setzen, über die sie mit ihren Methoden nicht hinausgelangen. So erforscht z.B. die Biologie verschiedene Formen des Lebens, aber nicht die Frage, wozu es Leben gibt. Die Philosophie macht sich solche Fragen zur Aufgabe, wohl wissend, dass sie womöglich keine definitive Antwort finden wird, aber mit dem Bewusstsein, dass manche Fragen eine so große Bedeutung haben, dass man sich ihnen auch dann stellen sollte, wenn dabei das Scheitern droht.
2. Dabei muss Philosophie vermeiden, ins spekulative Faseln zu geraten. Sie kann und soll sich auf die Erkenntnisse anderer Fächer beziehen. Wenn es etwa tun das Wesen des Menschen geht, wird sie sich auf Darwins Evolutionstheorie, Freuds Modell der Seele und die literarische Gestaltung menschlichen Schicksals berufen und mit diesen Informationen schöpferisch arbeiten. Sie will das Denken schulen als originelle Verknüpfung und Bewertung von Wissen.
3. Philosophie sieht andere geistige Disziplinen aber nicht nur als Lieferanten der Stoffe, über die sie nachdenkt. Sie fragt auch nach den Grundlagen, auf denen sie praktiziert werden, fungiert also mitunter als Theorie der Wissenschaft. Dabei reflektiert sie auf deren geschichtliche Entwicklung (Welche sprachlichen Voraussetzungen mussten gegeben sein? Welche Rolle spielte das Experiment? Wie schaffte es eine neue Erkenntnis, sich gegen das Alte durchzusetzen?) und mögliche Alternativen.
4. Manche Menschen meinen, sie philosophieren, wenn sie nach dein fünften Bier mit leichten Artikulationsschwächen Gemeinplätze von sich geben. Diese Auffassung unterschätzt die Rolle der sprachlichen Ausdruckskraft bei der Bewältigung philosophischer Angelegenheiten. Das Philosophieren kann nur durch die präzise Verwendung prägnanter Begriffe gelingen. Diese sprachliche Genauigkeit gilt zwar auch für andere Fächer, wird aber im Philosophieunterricht besonders intensiv geschult, weil man mit ganz verschiedenen Denkrichtungen konfrontiert wird, die sich alle auf eine andere Weise sprachlich profilieren. Wer sich. darauf einstellt, wird es leichter haben, auch in anderen Fächern einen Sinn für Fachsprachen zu entwickeln.
Die obigen Thesen sollen u.a. eine Ahnung von den Inhalten des Philosophieunterrichts geben. Wer das Bisherige nicht ganz und gar belanglos fand, will zu diesen Inhalten aber wahrscheinlich noch mehr wissen.