Der Ethikunterricht
behandelt Theorien zur Beschreibung und Beurteilung menschlichen Handelns unter
dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit. Es geht um das Begreifen abstrakter
Konzepte und die Anwendung auf tatsächlich gegebene Problemlagen.
Als
Beispiel soll die Analyse der moralischen Probleme dienen, die sich aus den
Bedingungen einer globalisierten freien Marktwirtschaft ergeben. Die Analyse
basiert auf der sogenannten „Spieltheorie“, mit der sich komplexe
Entscheidungssituationen „durchspielen“ lassen. (Einem der Begründer der
Spieltheorie widmete sich übrigens einer der Kinohits des Jahres 2002, „A
Beautiful Mind“)
Wenn
von Ethik die Rede ist, geht es meist um "intentionale Ethik",
d.h. um solche Handlungen eines Subjekts (S), die eine bestimmte Wirkung auf ein
Objekt (O) beabsichtigen. (Dabei spielt es keine Rolle, ob das Objekt eine
Person oder eine Sache ist.) Ein positives Beispiel liegt vor, wenn S eine
Handlung begeht, um O damit zu helfen. Ein negatives Beispiel ist die Absicht
von S, O zu betrügen. Es gibt aber auch Verhalten, das ethisch relevante
Konsequenzen hat, die man an sich gar nicht beabsichtigt, die sich aber dennoch
notwendig ergeben. Kein Mensch, der im Winter Rosen kauft, will damit Menschen
in der sogenannten "dritten Welt" schädigen. Es ist aber eine
Tatsache, dass allein 1998 in Kenia 1000 Frauen an den Folgen von
Pestizidvergiftungen starben, weil sie, ohne Maske und Schutzkleidung zu
bekommen, auf Plantagen gearbeitet haben, auf
denen Blumen für den Export angebaut werden. (Für einen Tageslohn von weniger
als 1,50€ übrigens). Der europäische Kunde, der ganzjährig billige Blumen wünscht,
hat einen Anteil an der Schuld. Da die skandalösen Arbeitsbedingungen aber
nicht vom Kunden beabsichtigt sind, ist seine Schuld nicht intentional, sondern
eine Folge der wirtschaftlichen Struktur, an der er als Käufer teilnimmt.
Solche Sachverhalte werden von der "Bedingungsethik" untersucht. Dabei hilft ein mathematisches Verfahren, die sogenannte
"Spieltheorie".
Analysieren
wir also das Beispiel "Blumenhandel"
einmal aus der Sicht der Blumengroßhändlerin Rosemarie Rose. Frau Rose will
natürlich gute Geschäfte machen, hat aber auch durchaus einen Sinn für
Gerechtig- und Menschlichkeit. Falls sie sich mit allen anderen Blumenhändlern
(sagen wir einmal es gebe insgesamt 100) absprechen würde, wäre es kein
Problem, wenn alle den Kenianern faire Preise zahlten: Da kein Händler
Billigware anbieten würde, bliebe den Kunden im Blumenladen nichts anderes übrig
als mehr Geld für die Rosen zu zahlen. Im Wettbewerb unter einander hätte
keiner der Händler einen Nachteil und die Kenianerinnen könnten sich
Schutzmasken und -kleidung kaufen. Frau Rose wäre von dieser Lösung sehr
angetan.
Nun
verbietet aber das Kartellrecht Absprachen. Jeder Anbieter muss sich den
Bedingungen des Marktes stellen. So - durch die Konkurrenz unter den Händlern -
ergeben sich für den Kunden im Blumenladen günstige Preise.
Frau
Rose geht methodisch vor. Sie nimmt sich vor, die Denkschritte schön säuberlich
auseinanderzuhalten (und anders als Schülerin XY nicht sofort anzunehmen, dass
die und die Möglichkeit ja doch nicht funktioniere.)
Also:
1)
Wenn alle anderen Blumengroßhändler den Kenianern faire Preise zahlen würden
und nur Frau Rose nicht, dann wäre
das optimal. Frau Rose könnte durch den günstigen Einkauf (zu
Ausbeuterpreisen) ordentlich Profit machen, und den kenianischen Gärtnern würde
es dadurch, dass 99 Großhändler faire Preise zahlen, nicht wesentlich
schlechter gehen, als wenn alle 100 Großhändler (inklusive Frau Rose) faire
Preise zahlten. (Du findest das Beispiel weit hergeholt? Ist es nicht, so denkt
jeder Schwarzfahrer!)
2)
Wenn alle 100 Großhändler den Kenianern faire Preise zahlten, wäre das für
Frau Rose die zweitbeste Option. Die Begründung findest Du weiter oben.
3)
Wenn alle 100 Großhändler den Kenianern weiterhin so wenig wie jetzt zahlten,
wäre das für Frau Rose nur die drittbeste Lösung. Zwar würde sich an den
Wettbewerbsbedingungen nichts ändern (Frau Rose wäre ja nicht teurer als die
anderen, würde also nicht durch zu hohe Preise Kunden verlieren), aber die
Kenianerinnen wären weiterhin den Pestiziden ausgesetzt. Das tut Frau Rose
leid. Manchmal träumt sie deswegen schlecht.
4)
Soll sie also ihrerseits - im Alleingang - anfangen, den Kenianern faire Preise
zu zahlen? Oh nein, das geht nicht, denn dann müsste sie als einzige die Preise
für ihre Abnehmer anheben. Natürlich würden die sich das nicht gefallen
lassen und zur billigeren Konkurrenz wechseln. Frau Roses Geschäft würde
bankrott gehen, Frau Rose deshalb noch schlechter schlafen und für die Kenianer
würde sich nichts ändern, weil die gute Frau Rose ihnen ja nichts mehr
abkaufen könnte.
Frau
Rose fühlt sich nach der Unterscheidung der obigen vier Fälle gerüstet, eine
vernünftige Entscheidung zu treffen.
Also:
Fall 4) ist wirtschaftlicher Selbstmord. Das kommt für Frau Rose nicht in
Frage.
Fall
1) ist nur theoretisch optimal. Frau Rose ist nicht so naiv anzunehmen, dass
alle Konkurrenten aus Edelmut den Kenianern faire Preise zahlen und ihr einen
Wettbewerbsvorteil lassen. Soll sie sich also auf Option 2) einlassen? Aber was
ist, wenn nur sie den Kenianern faire Preise zahlt und die anderen Großhändler
nicht? (Man kann sich ja nicht absprechen.) Dann würde Fall 4) eintreten.
Furchtbar! Nicht akzeptabel! Bleibt also Fall 3). Schade um die Kenianerinnen,
aber was bleibt Frau Rose anderes übrig?!
DAS
IST EINE GUTE FRAGE. DAMIT FRAU ROSE FAIR HANDELN KANN, OHNE BANKROTT GEHEN ZU MÜSSEN,
IST EINE VERÄNDERUNG DER WIRTSCHAFTLICHEN RAHMENBEDINGUNGEN NÖTIG. ETWA EIN
GESETZ DER KENIANISCHEN REGIERUNG, DASS DEN VERKAUF VON ROSEN VERBIETET, DIE AUF
PLANTAGEN GEZÜCHTET WERDEN, DEREN ARBEITER KEINE SCHUTZMASKEN UND -KLEIDUNG
TRAGEN.
Zu
den obigen Ausführungen möchte Bernd (ein superschlauer Schüler) etwas
einwenden. Es sei ein Widerspruch, dass es einmal heiße, Fall 1 sei nicht
"weit hergeholt" und ein anderes Mal, dass er "nur theoretisch
optimal" sei. Eine gute Bemerkung von Bernd! Hier besteht also Klärungsbedarf:
Fall 1 ist tatsächlich "nur theoretisch optimal" und wird deshalb
(aus den genannten Gründen) in der Regel auch nicht gewählt werden. Die
Entscheidung für Fall 1) funktioniert nämlich nur dann, wenn man sie verbirgt.
So macht es ja auch der Schwarzfahrer: Er sitzt in der U-Bahn genau so wie die
anderen Fahrgäste, die für einen Fahrschein bezahlt haben. Sobald er jedoch,
z.B. durch einen Kontrolleur, enttarnt wird, entpuppt sich seine Entscheidung
als alles andere als optimal.
Julius Speicher